Hier: PresseMitteilungs-Detailseite
04.03.10 | Kultur ¿Schreibtischtäter¿ und Nationalsozialist der ersten Stunde
LWL gibt Tagebücher von Karl Friedrich Kolbow heraus
Die Tagebücher von Karl Friedrich Kolbow gewähren Einblicke in das innere Gefüge des NS-Herrschaftssystems.
Foto: LWL
¿Mit der Edition der Tagebücher von Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow führt der LWL die Selbstverpflichtung fort, die Geschichte des Provinzialverbandes Westfalen in der Zeit des Nationalsozialismus durch wissenschaftliche Forschungen aufzuklären", so LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale bei der Vorstellung der Kolbow-Tagebücher am Mittwoch in Münster. Dabei zeigen wir auch die Verstrickung in eine rassenideologische geprägte Politik auf, um das Schicksal der Opfer des NS-Regimes in Erinnerung zu halten¿.
¿Kolbows Aufzeichnungen offenbaren die Wahrnehmungsperspektive eines ¿Schreibtischtäters`. Mit der Edition steht eine Quelle zur Verfügung, die durch das Insiderwissen des Beamten Einblicke in das innere Gefüge des NS-Herrschaftssystem erlaubt¿, so Martin Dröge vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, der die Tagebücher herausgegeben hat.
Hintergrund:
Als das politische Klima nach der Weltkriegsniederlage und den Versailler Verträgen aufgeheizt war, schwenkte Kolbow immer mehr in völkisch-antisemitisches Fahrwasser ein. Schon 1921 trat er mit der Mitgliedsnummer 2.900 der NSDAP bei und war für sie als Werber und Redner aktiv. So wurde er im April 1933 als ¿Alter Kämpfer¿ der Partei Landeshauptmann der Provinz Westfalen obwohl er als gebürtiger Schweriner kein Westfale und kein Jurist war. ¿Kolbow verfolgte als Landeshauptmann von 1933 bis 1944 eine völkisch-rassistische Politik. Er sprach sich ausdrücklich für die Zwangssterilisierung von ¿rassisch Minderwertigen¿ aus. In seiner Anschauung war die Tötung ¿lebensunwerten Lebens¿ eine völkische Pflicht, die aus seiner Perspektive bei nicht lebensfähigen Kindern einen Akt der ¿Humanität¿ darstelle¿, benennt Dröge Kolbows Einstellung zur ¿Euthanasie¿. Unter Kolbows Verantwortung wurden zwischen 1940 und 1943 psychisch Kranke und geistig Behinderte getötet, bei der ¿Euthanasie¿-Aktion starben in Westfalen über 4.500 Patienten.
Im August 1944 kam das abrupte Ende seiner Karriere: Aufgrund eines privaten Briefes, der bei dem ehemaligen westfälischen Oberpräsidenten von Lüninck gefunden wurde, unterstellte man Kolbow eine regimekritische Haltung und schloss ihn aus der NSDAP aus.
Seit Beginn der 1940er Jahre kritisiert er auch in seinen Tagebüchern einige Aspekte des NS-Regimes wie den Drang der Partei nach absoluter Herrschaft und den Zustand, im dem kaum noch offen und ehrlich gesagt werden könne, was man denke und empfinde. ¿Diese Kritik hat Kolbow aber nie öffentlich geäußert und er stand nach wie vor zu den rassenideologischen Grundsätzen des Nationalsozialismus¿, relativiert Dröge. Kolbow starb 1945 als einfacher Soldat in französischer Kriegsgefangenschaft.
Der Nationalsozialist der ersten Stunde Karl Friedrich Kolbow setzte als Landeshauptmann die NS-Rassenideologie in Westfalen durch.
Foto: LWL-Archiv
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
Zu allen Pressemitteilungen des LWL Zu allen Pressemitteilungen dieser LWL-Einrichtung